ein herze, daz von vlinse
im donre gewahsen waere,
daz müete disiu maere.

 

Selbst ein im Donner zu
Stein erstarrtes Herz
müsste diese Geschichte erweichen.

Wolfram von Eschenbach

 

Eine alte Geschichte zum "Stein-Erweichen"

Willehalm und Arabel ist die spannend zu lesende Neuerzählung des Willehalm von Wolfram von Eschenbach. Der große Dichter des Parzival schuf damit ein Werk, das nicht nur gleichzeitig Ritterepos, Heldenroman, Heiligenlegende und Schlachtengemälde, sondern auch und vor allem eine berührende Liebesgeschichte ist: alt und doch modern, brutal und doch zärtlich, fremd und doch vertraut, märchenhaft und doch real – kurz, eine durch und durch menschliche Erzählung.   

Eine ungewöhnliche Liebe gerät in das machtpolitische Räderwerk ihrer Zeit: Es ist die Liebe zwischen der sarazenischen Königin Arabel und dem christlichen Ritter und Markgrafen Willehalm, der in Arabien gefangen gehalten wird. Gemeinsam fliehen sie an die rettende Küste der Provence. Arabel tritt zum Christentum über und wird Willehalms rechtmäßige Frau. Doch die Rache ihres ersten Ehemanns Tibalt sowie ihres Vaters, des mächtigen Großkönigs Terramers, zieht ein Meer aus Flammen, Tränen und Blut nach sich. (Klappentext)

Wie sinnlos kann ein Krieg sein, wie tragisch eine Liebe?

Dieser "blutige Minnesang", der von der ungewöhnlichen Leidenschaft zwischen dem christlichen Ritter Willehalm und der sarazenischen Königin Arabel erzählt, gibt nicht nur viele zeitlose Antworten auf diese Fragen, sondern bietet eine authentische und unterhaltsame, sowie in ihrer religionspolitischen Dimension bestürzend aktuelle Lektüre.

Ihre Grundlage bildet der Willehalm des Parzival-Dichters Wolfram von Eschenbach, der sie im Auftrag des Landgrafen Hermann I. von Thüringen vor rund 800 Jahren nach einer alt-französischen Vorlage (La Bataille d'Aliscans, Ende des 12. Jahrhunderts) ins Deutsche übersetzt und neu erzählt hat – so erfolgreich, dass der Willehalm zu einem der beliebtesten Erzähltexte des Hochmittelalters, oder, modern ausgedrückt, zu einem echten Bestseller in Form vieler schöner Handschriften wurde.

Im Unterschied zum Parzival ist Wolframs Willehalm jedoch inzwischen allgemein in Vergessenheit geraten – erstaunlich, gilt er in wissenschaftlichen Kreisen doch gemeinhin als frühes humanistisches Dokument, das im Gegensatz zur einseitig feindlich gesinnten Kreuzzugsideologie eines Rolandslieds eine revolutionär anmutende neue Haltung gegenüber dem muslimischen "Heiden" einnimmt. Dieser literarische Schatz verdient es daher im besonderen Maße, wieder einer größeren Leserschaft bekannt gemacht zu werden.

"Willehalm und Arabel": Ein ungewöhnliches Lesevergnügen

Die Geschichte von Willehalm und Giburg zeigt uns die ritterliche Denkweise und höfische Kultur in vielerlei Facetten auf und nimmt uns auf manch spannendes Abenteuer und wunderliche maere mit. Meiner Meinung nach ist sie dabei sogar um einiges leichter als der Parzival zu verstehen. Darüber hinaus ist es nicht jedermanns Sache, ein knapp 14.000 Verszeilen starkes Epos zu lesen - die von jüngeren Lesern verständlicherweise erst recht nicht. Mit der romanhaft verfassten Erzählung Willehalm und Arabel ist es nun problemlos möglich, den Willehalm trotzdem originalgetreu kennenzulernen und als "echten Ritterroman" zu genießen.

Die Nacherzählung hält sich werktreu am Original und erfindet weder Neues, noch lässt sie Wesentliches aus. Willehalm und Arabel zerlegt das Epos und seine vorgegebenen neun Bücher in sinnhafte Kapitel, rafft die zahlreichen Verszeilen zusammen und komprimiert die weit über hundert namentlich genannten Haupt- und Nebenfiguren und die mit ihnen verbundenen Länder. Ebenfalls ausgespart bleiben die persönlichen Wertungen und religiösen Ausschmückungen Wolframs - die Handlungsstränge bestimmen den Text allein, sodass die Geschichte für sich sprechen kann. Versbeispiele aus den neun Büchern der mittelhochdeutschen Originalvorlage ergänzen und illustrieren die Neuerzählung, ein Nachwort, ein Anmerkungs-, Begriffs- und Namensverzeichnis erleichtern darüber hinaus die Orientierung.

 

Das Buch wurde 2016 vom Leseforum Bayern als Schulbuch für die Fächer Deutsch und Geschichte (Klassen 7 - 9) als "sehr gut geeignet" empfohlen und in die Empfehlungsliste zur Sommerlektüre 2016 "Unsere Besten - Lesetipps für Schüler" aufgenommen. 

 

Wozu diese Seiten einladen

Jeder, der das Original in Angriff nehmen oder sich dem Lesen von Willehalm und Arabel widmen möchte, erhält auf diesen Seiten zusätzliche Hintergrundinformationen zur Story, den Figuren und anderen verwandten Themen, die regelmäßig erweitert werden. Die Artikel dieser Seite stammen in großen Teilen von meiner facebook-Seite "Willehalm und Arabel", erhalten hier aber eine thematische Zuordnung, Übersichtlichkeit und Wiederauffindbarkeit, die auf facebook nicht möglich ist.

Wer aus den Artikeln zitieren möchte oder diese weiterempfehlen, teilen, oder sie für seine schulische oder wissenschaftliche Arbeit nutzen möchte, ist herzlich dazu eingeladen. Der gegenseitigen Fairness wegen bitte ich in einem solchen Fall aber darum, diese Seite als Quelle mit anzugeben und damit gleichzeitig mitzuhelfen, das Buch weiter bekannt zu machen. Über neue Empfehlungen, Rezensionen, Verlinkungen oder Lesungsanfragen, besonders von Schulen, freue ich mich sehr.  

 

Herzlich

Gudrun Opladen

 

 

Zum Herz-Vers Wolframs (oben): Dieser Vers ist mein Lieblingsvers, den ich meiner Erzählung "Willehalm und Arabel" vorangestellt habe. Wolfram appelliert mit seinem "Willehalm" an unser Mitgefühl, nicht an unser Mitleid, was diese Geschichte so wunderbar unsentimental und stimmig macht. Er hat hier übrigens die bekannte Metapher vom steinernen, bzw. verhärteten Herzen (Ezechiel 11,19; 36, 26) mit der volkstümlichen Vorstellung vom "Donnerstein" oder "Donnerkeil" verknüpft: mit dem zündenen Blitz fährt aus der Wolke gleichzeitig ein schwarzer Keil tief in den Erdboden nieder, beginnt dann aber bei jedem neuen Donnerschlag wieder nach oben zu steigen, bis er nach sieben Jahren auf der Erde angelangt ist (nach Jacob Grimm), Erklärung aus Heinzles Stellenkommentar (Wolfram von Eschenbach, Willehalm, Deutscher Klassiker Verlag, S. 837)

Bildquelle: Willehalm Codex Manesse